Gedanken auf dem Weg

Als das Havelland vor Jahrhunderten erschlossen und besiedelt wurde, die Menschen damals Dörfer und Städte gründeten, Verkehrswege anlegten, das Land kultivierten, da bauten sie auch Kirchen, ihre und unsere Kirchen: große und mächtige, kleine und bescheidene, aus unbehauenem Feldstein, aus gebranntem Backstein, aus Holz, Lehm und Stroh.

Kirchenweg Karte

Viele sind heute noch erhalten und tragen maßgeblich zu unserer Kulturlandschaft bei. Sie sind Zeugnis des Glaubens unserer Vorfahren, kulturelles Erbe, ortsbildprägend, Freude und, was ihre Erhaltung angeht, auch Last. Aber sie sind ein großer Schatz, den es zu bewahren und mit Leben zu erfüllen gilt. Und so finden in den allermeisten Kirchen auch heute noch Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen statt, aber auch Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen.

Kirchen sind Orte gelebter Existenz, zugleich aber auch Orte der Hoffnung, der Gewissmachung, der Stille, des Gebets, der Verkündigung der frohen und befreienden Botschaft in Wort und Lied, Musik und Kunst. Für die Siedler der Mark Brandenburg waren die Kirchen mit ihren Türmen zugleich auch Wegmarken und Zielpunkte. Das lässt sich heute noch unschwer erkennen: Fährt man einen Ort auf alter Straßenverbindung an, dann wird man schon von weitem auf die Kirche und den Kirchturm zugeführt. Damals gab es weder Asphalt noch Kopfsteinpflasterung, sondern nur unbefestigte Wege über sandige Höhen und durch sumpfige Niederungen. Das Reisen war beschwerlich. Entweder ging man zu Fuß und schleppte sein Gepäck auf dem Rücken oder man rumpelte auf einem Leiterwagen dahin, der immer wieder in Morast und Sand stecken blieb. Eine weit hin sichtbare Wegmarke vor sich zu haben war ein beruhigendes Gefühl. Es bedeutete, bald in Sicherheit und unter Schutz zu sein. Es spornte die Kräfte an, das Ziel greifbar nahe zu wissen. Endlich angekommen, nahm man sich Zeit zum Ausruhen. Der Markt und die Kirche standen selbstverständlich auf dem Besuchsprogramm. Man dankte Gott für sein Geleit auf dem zurückliegenden Weg und erbat seine Hilfe und seinen Segen für den Weg, der noch vor einem lag.

Unsere Kirchen sind heute von der Mitte an den Rand gedrängt. In ihrem Schatten finden keine Märkte mehr statt. Und verschlossen sind sie die meiste Zeit auch. Aber sie sind immer noch da. Unübersehbar bringen sie sich in Erinnerung als Wegmarke unseres Lebens. Vielleicht habe ich mir ja bewusst oder unbewusst ganz andere Wegmarken gesetzt und bin in hektischer Eile, sie zu erreichen. Vielleicht denke ich auch gar nicht weiter darüber nach, sondern lasse meinem Leben seinen freien Lauf – wird  schon werden, irgendwie… Und wenn nicht? Ich blicke hinauf und sehe die Turmuhr. Soviel Zeit bleibt mir möglicherweise nicht mehr… Und dann entdecke ich das Kreuz hoch oben, leuchtend und hell. Es lädt mich ein, die Schwerpunkte meines Lebens zu überdenken und neu zu setzen.

Sie sind eingeladen, auf eine kleine Entdeckungsreise zu gehen, nach außen und nach innen. Die Kirchenwege wollen darum auch mehr sein als nur ein touristisches Besichtigungsprogramm. Sie erinnern uns an unser Sein und an das, woraus wir leben dürfen.

(Thomas Zastrow)

Kirchenweg Boot geistlich 2