Gedanken auf dem Weg

Als das Havelland vor Jahrhunderten erschlossen und besiedelt wurde, die Menschen damals Dörfer und Städte gründeten, Verkehrswege anlegten, das Land kultivierten, da bauten sie auch Kirchen, ihre und unsere Kirchen: große und mächtige, kleine und bescheidene, aus unbehauenem Feldstein, aus gebranntem Backstein, aus Holz, Lehm und Stroh.

Kirchenweg Boot

Viele sind heute noch erhalten und tragen maßgeblich zu unserer Kulturlandschaft bei. Sie sind Zeugnis des Glaubens unserer Vorfahren, kulturelles Erbe, ortsbildprägend, Freude und, was ihre Erhaltung angeht, auch Last. Aber sie sind ein großer Schatz, den es zu bewahren und mit Leben zu erfüllen gilt. Und so finden in den allermeisten Kirchen auch heute noch Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen statt, aber auch Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen. Kirchen sind Orte gelebter Existenz, zugleich aber auch Orte der Hoffnung, der Gewissmachung, der Stille, des Gebets, Orte der Verkündigung der frohen und befreienden Botschaft in Wort und Lied, Musik und Kunst.

Wer mit dem Boot durch das Havelland unterwegs ist, gewinnt einen ganz anderen Blick auf die Landschaft, auf die Städte und Dörfer als jene, die sich auf dem Land fortbewegen. Das Wasser als Urelement gewinnt hierbei eine starke, geradezu existenzielle Bedeutung. Es trägt das Boot, es trägt mich. Hier kann ich entdecken, wie ich letztlich doch darauf angewiesen bin, dass ich durchs Leben getragen werde. Ich brauche Vertrauen, dass ich nicht unter gehe. Ich brauche Menschen, die mit mir unterwegs sind. Und auch das wird mir zu einer wohltuenden, lebensspendenden Erfahrung, besonders an heißen Sommertagen: die reinigende, erquickende, erfrischende, erneuernde Wirkung von Wasser.

Die Verbindung zu den Kirchen, die ich besuchen will, ist schnell gefunden. Man spricht vom „Kirchenschiff“, wenn man den vom Turm getrennten Innenraum betritt. Hinter diesem Wort steht eine Geschichte aus der Bibel (Markus 4,35ff). Sie wird zum Sinnbild für Kirche und Gemeinde. Die Jünger sind auf dem großen, weiten, bedrohlichen See Genezareth. Jesus ist mit in ihrem Boot, das von Wind und Wellen geschüttelt wird. Sie haben Angst, Jesus ist nach einem anstrengenden Tag eingeschlafen. Sie wecken ihn auf, er sorgt dafür, dass die Wogen sich glätten und spricht zu ihnen: „Was seid ihr so furchtsam; habt ihr keinen Glauben (und das heißt: kein Gottvertrauen)?“.

In dieser Geschichte steckt eine weitere Bedeutung von Wasser, die ich mir auf meiner Tour durchs Havelland nicht wünsche, nämlich zu kentern und unterzugehen. In das Boot zu Jesus komme ich durch die Taufe. Auch sie vollzieht sich, jedoch nicht allein, durch Wasser. Dazu befindet sich in jeder der Kirchenschiffe ein Taufbecken. Dieses kann aus Stein, Holz oder auch aus Eisenguss sein, schlicht oder reich verziert. Jene Geschichte aber ist nicht nur Sinnbild von Kirche und Gemeinde, sondern auch Sinnbild meines Lebens. Auch da ziehen Stürme auf und Wellen schlagen ins Boot. Auch da geht die Angst mit. Auch da kann ich untergehen und Schiffbruch erleiden. Aber auch da ist einer, der mit mir ist, dem ich vertrauen kann, der die Angst mir nimmt und mich hindurch führt.

(Thomas Zastrow)